20.05.2011


20.05.2011 … hoffentlich, kann man nur sagen. Eine Philosophie changierend zwischen Korintherbrief, Hölderlin und Vorsokratikern wird - nur in Silben und Phonemen ausgedrückt - auch nicht weniger krud. Was aber egal ist, denn die klangsinnliche Musik von Fausto Tuscano würde auch eine Seite Telephonbuch interessant werden lassen. 
Von Heidemarie Klabacher


Die Konzerte der Internationalen Paul Hofhaymer Gesellschaft in der Schlosskirche Mirabell garantieren spannende Ein- und spannungsvolle Ausblicke zwischen Alt und Neu. So wurde jüngst ein Werk von Fausto Tuscano uraufgeführt: „Libera ride für eine Sprecherin, Violine, Flöte und Vokalquartett mit Texten vom Carlo Michelstaedter und Dino Campana“.

Hat es eine  einzige „Urtonsprache“, ein einziges Kommunikationssystem gegeben, aus der sich Sprache und Musik entwickelt haben? Wenn ja, welche Spuren des Ur-Musikalischen sind im Gesprochenen noch zu entdecken? Und umgekehrt? Wie wurde (und wird) der Instrumentenbau von der menschlichen Stimme beeinflusst. Spannende Fragen. Stoff für ganze Fakultäten. 

Fausto Tuscano jedenfalls arbeitet zusammen mit Annarita Poliseno seit drei Jahren an diesem Themenkomplex. Übernächstes Jahr soll eine erste Fassung für die Bühne fertig geworden sein. Soviel Vorbehalt in der Formulierung ist vielleicht gar nicht schlecht. „Bühnentauglich“ dünkte bei der Uraufführung der gegenwärtigen Fassung im Sakralraum der Altkatholiken wahrlich wenig.

Die seitenlangen Lesungen aus den Ergüssen von Carlo Michelstaedter - er war Sohn einer deutsch-jüdischen Familie aus Görz und nahm sich 1910 mit 23 Jahren das Leben - waren mit Annarita Poliseno einer Nicht-Muttersprachlerin anvertraut. Was das akustische Verständnis nicht einfacher und das hektische Blättern zwischen den deutschen und italienischen Textpassagen noch mühsamer machte. (Es gab auch noch Texte eines Dino Campana 1855 bis 1932).)

Wie gesagt: Es hätte auch das Telephonbuch sein können. Denn zum Erlebnis wurde der Abend durch die fulminanten vokalen und sängerischen Fähigkeiten von Silvia Spinnato, Bernadette Furch, Bernd Lambauer und André Schuen. Gar nicht wenig Stimm-Akrobatik verlangt Fausto Tuscano von seinen Ausführenden. Aber das innige Zusammenwirken der Vokalisten mit Frank Stadler und seiner Geige und Fausto Tuscano (persönlich) und seiner Flöte ergab ein vielfarbiges Gewirk, schillernd und changierend wie Seidendamast. Herbert Grassl, Komponist und Dirigent, wirkte in diesem Fall als kundiger Webmeister feinster Fäden. Spannend.

Anschließend gab es noch drei Vokalwerke von Heinrich Isaak aus dessen Florentiner Zeit. Dass die Sängerinnen und Sänger in dieser glückhaften Konstellation außer Alter Musik überhaupt irgendetwas anderes machen, liegt wohl darin begründet, dass sie neben dem Alten auch das Neue interessiert. Hoffentlich hört man sie in genau dieser Besetzung bald wieder. Mit Neu - und bitte auch wieder - mit Alt.

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