Verspieltes – nicht verspielt


02.03.12 Anne-Suse Enßle und Philipp Lamprecht auf Einladung der Internationalen Paul Hofhaymer Gesellschaft mit Mittelalterlichem und Neuem im Kleinen Studio des Mozarteums: Ein Programm unter dem Gesichtspunkt des Verspielten.
Von Erhard Petzel


Bei aller Freizügigkeit des Begriffs doch auch ein heikler Anspruch, da Leichtigkeit und Humor damit assoziiert werden. Ein Versprechen, das nach seiner Einlösung abgeklopft werden will? Zumindest auch ein Gesichtspunkt, unter dem man ein Programm erhören kann.

Das Alte, zwei Antiphone und ein Credo aus dem Old Hall Manuscript aus dem England des 14. Jahrhunderts, wird auf einem Spiel von zehn Bienenkorb-Glocken umgesetzt, die Lamprecht von einem Berliner Meister erstanden hat. Ihr obertöniger Klang parodiert leicht die Melodien, deren Charakter mit der Ästhetik einer Schola in fester Bindung steht. Aber die Glocken, vor Erfindung der Stimmgabel auch verwendet zum Einstimmen, sind nicht geschmacklos oder indezent. Mit hellem Klang und durchaus feiner Agogik lösen sie das Schweben der Stimmen in ein Ineinanderschweben der Klänge auf.

Als Negation des Spiels wird ein Stück von Lasse Gundelach im Programm angekündigt. Die 2007 entstandene Komposition entwickelt sich im Wesentlichen aus einer Wirbel-Kaskade durch Konga- und Paukenfelle, unterstützt durch Blockflötengetriller, und in einer Zweiton-Bewegung, zu der das Schlagwerk in einen Herzrhythmus findet. Für Marco Döttlingers „Jeux I“ streicht Philipp Lamprecht ein Becken, während Anne-Suse Enßle ihre Blockflöte rauschen lässt. Die Klänge beider werden elektronisch verarbeitet und wandern in die Boxen im Rücken des Publikums. Eine Klangstretta zum Schluss, vorher zählt das Geringfügige an Veränderung. „Jeux II“ beansprucht für seine drei Teile auch drei Blockflöten und drei verschiedene Ideen am Schlagwerk: Glissandi rubbelnder Schlägel-Plastikköpfe auf Fellen, eine Modulation an Schlagmodellen (Besen, Wollschlägel, Finger) und schließlich das Vibraphon, das als Duettpartner zur Bassflöte auch fallweise gestrichen wird.

„Capitaine Nemo“ von Reinhard Febel verspricht eine neue Spielanordnung. Großes Schlagwerk im Keil, im Kielwasser die Assoziation von Schiff. Handgriffe als Muster einer Verklanglichung, im Zentrum baumelnde Steine und Chimes; Ratsche, Summton und Fußmaschine als Impulsgeber für Tätigkeiten eines fantastischen Werkels: Leider doch etwas zu konstruiert in seiner Wirkung, zu infantiler Frische ermangelt es da etwas der Leichtigkeit des Seins.

Die kommt – entgegen der Intention des Titels – in Moritz Eggerts „Außer Atem“. Eine Flöte hängt Anne-Suse Enßle am Hals, zwei liegen bereit, Lederflecke werden über die Schenkel gezogen, damit Halt gegeben ist, wenn zwei Instrumente auf Kosten der Seligkeit gleichzeitig bespielt werden und dazu noch die Stimme eingesetzt werden muss. Das ist virtuoser Zirkus vergnüglichster Art, Humor und Parodie des Künstlers auf sich selbst in feiner und positiv ironischer Weise.

Ein kurzweiliges und anspruchsvolles Programm in einem Studio, das beinahe zu klein geraten wäre für das eingeströmte Publikum.

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