Erstarrung nach Aufbruch? 

HOFHAYMER GESELLSCHAFT / RADITSCHNIG


27/11/12 „ROM - Analyse einer Zertrümmerung“, eine Performance von Werner Raditschnig, wurde im Künstlerhaus uraufgeführt - und hinterließ - bei aller Untadeligkeit der Wiedergabe - bestenfalls einen zwiespältigen Eindruck. Ewig das Gleiche im Wandel der Wahrnehmung?
Von Erhard Petzel


 Der erste Eindruck der einstündigen Veranstaltung ist etwas ernüchternd. Da ist nicht viel, was auf ein Werk aus 2012 verweist: Sprecher vom Band, Sprecher von der Bühne, verfremdetes Klavier aus der (inzwischen digitalen) Konserve und auf drei Ebenen ineinander verblendete Projektionen, die – bei optisch zeitgemäßer Qualität – den Charme der guten alten Dias-Zeit beschwören. Das ist alles angemessen, wohlkalkuliert - und atmet bleierne Statik.

Auf der Suche nach dem Zugang zum Werk, was da die Welt des Erfassbaren im Innersten zusammenhält, stößt man auf das Thema: ROM bezieht sich allein auf die ewige Stadt und kokettiert keinesfalls mit anderen Konnotationen. Aus den Texten schält sich das Schicksal einer am Einfluss Roms zerknickten klerikalen Karriere und dem Leid des zum Sündenbock gestempelten Einzelnen (Individualität ist ohnehin das, was es zu unterdrücken gilt).

Natürlich sind Unterdrückung und Missbrauch auf weitester Ebene in der Kirche wieder aktuelle Themen. Auch die Diskussion um anstehende Reformen ihrer verkrusteten Struktur wird offen und leidenschaftlich geführt. Das Problem für sie scheint zu sein, dass sich nur mehr eine Restgesellschaft interessiert für Probleme, die ewig um innere Leiden kreisen, die mit dem prallen Leben nichts zu tun haben. Wer sich vor wenigen Jahrzehnten an der Institution Kirche gerieben hat, dem zerbröselt das Objekt des Widerstands.

Vielleicht ist es genau das, was sich in der Performance ROM, einem Auftragswerk der Internationalen Paul Hofhaymer Gesellschaft, spiegelt. Fragen des Stils sind die der Inhalte. Raditschnig blickt auf ein Leben zurück, in dem das Aufbegehren gegen Sozialmissstände und verbohrte Autoritäten Programm und lustvoller Ansporn für Aktionen und aktives Aufbegehren waren. Erstarrung heute nach den vergangenen gesellschaftlichen Aufbrüchen als symbolische Entsprechung für ein Produktkonzept?

Fraglos jedenfalls die Qualität der Ausführenden. Gerhard Greiner setzt seine Texte präzise mit profunder Sprecherstimme, Bernadette Furch gestaltet Töne und Vokalismen in gewohnter Perfektion, Bernhard Landauer bringt seinen Altus auf dem Untergrund der von Werner Raditschnig eingespielten Klangflächen zum Leuchten. Norbert Gruber gelingen in den projizierten Bildern Assoziationen zur Aufbruchsstimmung einer kirchlichen Moderne nach dem 2. Vatikanum, optische Zitate reflektieren Elemente der Werkentstehung.

Einst Vorreiter mit dem Konzept, Alte und Neue Musik in den Spielplänen zu verankern und in Dialog zu bringen, befindet sich die Internationale Paul Hofhaymer Gesellschaft nun im breiten Strom der Zustimmung zu diesem längst in allen Musikinstitutionen selbstverständlich gewordenen Ansatz. Dieser Abend ist vielleicht auch dafür symptomatisch - und Ausdruck für die Mühen im Kampf um Reflektion relevanter Themen in unserer Zivilisation. Das Publikum dankte den Künstlern und ihren Leistungen mit wohlwollendem Applaus.

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